Rudolf Taschner: „Wählen gehen ist ein heiliger Akt“
In seinem neuesten Buch „Gerechtigkeit siegt – aber nur im Film“ schreibt der Mathematiker Rudolf Taschner über geschichtliche und aktuelle Aspekte des Prinzips Gerechtigkeit.
Für Rudolf Taschner ist sein Buch „Gerechtigkeit siegt – aber nur im Film“ auch eine Art politische Philosophie.
Forschen & Entdecken: Sie sind schon viele Jahre Professor. Geht es denn im Forschungsbetrieb gerecht zu?
Rudolf Taschner: Überhaupt nicht. Aber was wäre ein gerechter Forschungsbetrieb? Man glaubt immer, das Gerechte ist zugleich das Gute. Das muss ja nicht unbedingt sein. Ein gerechter Forschungsbetrieb ist so eine Idealvorstellung.
Früher haben Sie viel über Zahlen und Formeln geschrieben. In Ihrem neuen Buch spielt Mathematik fast keine Rolle mehr. Machen Sie den Kolleginnen und Kollegen aus der Sozialwissenschaft Konkurrenz?
Egon Friedell schrieb einmal ein Buch über die Kulturgeschichte der Neuzeit, obwohl er kein Historiker war. So schreibe ich über Gerechtigkeit. Wenn die Sozialwissenschafterinnen und Sozialwissenschafter jetzt die Hände über den Köpfen zusammenschlagen, stört mich das gar nicht. Ich habe einen Essay geschrieben und keine wissenschaftliche Arbeit.
Eigentlich ist Ihr Buch eine Dekonstruktion des Begriffs „Gerechtigkeit“.
Ich meine, es gibt einen Unterschied zwischen selbstgerechten Menschen, das sind die gefährlichen, und Menschen, die versuchen, sich selbst gerecht zu werden. Blaise Pascal hat es so formuliert: „Es gibt nur zwei Arten von Menschen: die Gerechten, die sich für Sünder halten, und die Sünder, die sich für gerecht halten.“
Wenn Sie dem Begriff „Gerechtigkeit“ so kritisch gegenüberstehen, warum haben Sie ihm dann ein ganzes Buch gewidmet?
Weil er in aller Munde ist und die Menschen antreibt. Vor allem spüren sie, wenn etwas ungerecht ist. Ungerechtigkeit ist ein Motor, dass man sagt, ich will etwas verändern. Ein Motor für die Zukunft.
Das ist doch etwas Positives oder nicht?
Ja. Das Streben nach Gerechtigkeit ist positiv, das Erklären „Ich habe Gerechtigkeit“ ist negativ.
Ist Ihr Buch auch ein politisches Statement?
Natürlich ist es eine Art politische Philosophie.
Wie würden Sie diese zusammenfassen?
Ich glaube, dass eine genaue Trennung von Personen und Institutionen vonnöten ist. Eine Einzelperson kann moralisch sein. Eine Institution kann nicht moralisch sein. Eine Einzelperson kann ein Gewissen haben. Eine Institution kann kein Gewissen haben. Das Ich-Bewusstsein ist enorm wichtig. Aber ich fürchte, die Menschen geben wahnsinnig gerne ihre Individualität ab. Nur damit sie sagen können: „Ich trage keine Verantwortung.“ Und dann suchen sie die Verantwortung bei den Institutionen. Diese Verantwortungsflucht kritisiere ich.
Gerechtigkeit ist also etwas für das Individuum?
Ja, da hat sie ihren Sinn. Ich halte die Begriffe des kollektiven Gewissens und der kollektiven Erinnerung für abstrus. Wie kann ein Kollektiv eine Erinnerung haben? Ich kann mich erinnern. Nehmen Sie die Kriegszeit. Ich habe die Kriegszeit nicht erlebt. Wie kann ich mich daran erinnern? Ich kann ein geschichtliches Wissen darüber haben, ich kann mich empören, was passiert ist. Das soll man den Menschen auch beibringen. Aber man soll ihnen nicht sagen, sie sollen sich erinnern, denn das ist unmöglich. Hier ist die Sprache sehr schludrig.
Wie kann man dem Verlust von Individualität entgegenwirken?
Durch Bildung. Wir brauchen gute Lehrerinnen und Lehrer, die den Kindern vermitteln, dass sie sie in ihrer ganzen Persönlichkeit ernst nehmen. Mein 13-jähriger Sohn ist mit mir neulich nach England gereist. An der Grenze musste er zum ersten Mal seinen Pass herzeigen. Er hat sich wahnsinnig gefreut. Er wurde als Person von diesem Beamten angeschaut. Nur durch diesen kleinen formalen Akt hat er sich ernst genommen gefühlt. Deshalb bin ich auch zum Beispiel dafür, dass man bei Wahlen gefälligst zum Wahllokal geht und keine elektronischen Wahlen einführt. Da muss man hingehen. Das ist ein heiliger Akt, fast eine religiöse Zeremonie. Da weiß man, man ist Staatsbürgerin bzw. Staatsbürger.