Eine Stadt auf der Couch
Die Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer hat das Wesen von Wien erforscht. Sie spricht über die „Aktivierende Stadtdiagnose“ und darüber, welche Erfolge die Therapie bereits zeigt.
Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer im Gespräch mit Forschen & Entdecken-Chefredakteurin Claudia Schanza.
Forschen & Entdecken: Sie haben die „Fairnesszonen“ am Donaukanal geschaffen, erkennbar an blauen Bodenmarkierungen. Wozu?
Cornelia Ehmayer: Diese Zonen sollen die Leute irritieren, ohne Vorschriften zu machen. Der Hintergrund ist ein Konflikt Radfahrer–Fußgänger, der an der Lände seit Jahren schwelt. Die Passanten sollen einfach auf die Idee gebracht werden, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen. Parallel dazu haben wir Veranstaltungen wie „FAIR RADELN“ und „Faire Wochen“ durchgeführt. 40 Prozent der Wiener kennen diese Fairnesszone bereits, das ist ein gutes Ergebnis.
Es gibt Kinder-, Ehe- und Tierpsychologen. Aber was macht eine Stadtpsychologin?
Die Stadt kommt ja nicht auf die Couch. Ich bin eine Selbstberufene, weil ich damals, nach meinem Studium, einen Mangel geortet habe. Verkehrsplaner und Stadtplaner haben die Planung unserer Städte übernommen, aber zu wenig unter professioneller Einbeziehung der Bedürfnisse der Menschen. Es gab auf der ganzen Welt Gemeindepsychologen, nur nicht in Österreich. In Italien, Spanien, Deutschland, bis Australien und Südamerika wird an vielen Unis Community Psychology gelehrt – nur bei uns nicht.
Sie haben also nicht Gemeindepsychologie studiert?
Na ja, damals gab es die Umweltpsychologie. Da ging es etwa um die Auswirkungen von Lärm- oder Geruchsbelästigung. Aber es hat der Schritt gefehlt, wie man die Leute dazu bringt, auch selbst etwas zu verändern. Das ist dann eben die Gemeindepsychologie. Und ich habe ein Verfahren – die „Aktivierende Stadtdiagnose“ – entwickelt, so kann ich Städte oder Stadtteile auf die Couch legen und eine Diagnose erstellen, welche Stärken und Schwächen sie haben.
Was ist die konkrete Aufgabe der Stadtpsychologie?
Da geht es um Stadtentwicklung ganz stark auf der Ebene der Bevölkerung. Ein Beispiel: Alle, die hier im Grätzel wohnen, arbeiten und in die Schule gehen, werden eingeladen und gefragt, was sie gerne in diesem kleinen zubetonierten Park, wo wir gerade sitzen, anders hätten. Derzeit ist er ja eher ein Mix aus Hundeklo und Schülerversteck. Er lädt Menschen, die hier wohnen oder arbeiten, nicht gerade zum Aufenthalt ein. Und vor allem hole ich mir, bevor ich loslege, noch die Zustimmung der Politik und der Stadt, denn ohne diese gibt es kein Geld und dann kann auch nichts umgestaltet werden – und dann hätten wir alle Menschen umsonst beschäftigt. Dazu muss ich aber sagen: Wirksame Maßnahmen kosten oft gar nicht viel.
Vor einer Therapie braucht die Psychologin eine Diagnose. Können Sie Ihre „Aktivierende Stadtdiagnose“ an einem Wiener Beispiel erklären?
2003 habe ich die Lokale Agenda 21 in Margareten mit einer „Aktivierenden Stadtdiagnose“ gestartet. Zuerst stelle ich ein interdisziplinäres Team zusammen – Studierende und Absolventen von Freiraumplanung, Soziologie, Geografie und Psychologie – und wir teilen den ganzen Bezirk in Abschnitte. Wir bewegen uns im öffentlichen Raum, beobachten und führen schließlich Gespräche. Wo sich Menschen ansammeln, wo sich welche Gruppen aufhalten, wo Geschäfte eingehen, wie die Müllsituation ist. Das ist der erste Schritt der Diagnose: Was vermittelt die Stadt, was fällt einem auf? Dann beginnen die systematischen Interviews und man fragt so lange immer andere Leute, bis man das Gefühl hat, nichts Neues mehr zu hören. Nicht vom Kind, nicht von der Oma, nicht vom Mann oder der Frau, nicht vom Studenten, nicht vom Sandler. Man ist dann mit allen durch und erkennt, welche Gruppen es gibt. Das hat in Margareten zirka vier Monate gedauert. Nach der Auswertung führen wir Expertengespräche, zum Beispiel mit dem Bezirksvorsteher oder in Margareten mit Herrn Gergely vom Schlossquadrat. So kommt man zu einem Bild, dem Kommunogramm, wer in diesem Bezirk etwas zu sagen hat und wer nicht. Und auch, was die Themen sind: etwa Konflikte, Hunde, Parkplätze oder Geschäftssterben.
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