„Das HennEi war zuerst da!“
Die Biochemikerin Renée Schroeder kritisiert in ihrem populärwissenschaftlichen Bestseller Gläubige, Gott und engstirnige KollegInnen. Im Interview verrät sie noch mehr über ihr Weltbild und den Ursprung des Lebens.
Biochemikerin Renée Schroeder.
Forschen & Entdecken: In Ihrem Buch kritisieren Sie als Forscherin öfters die Kirche. Warum beschäftigt Sie das Thema so sehr?
Renée Schroeder: Es beschäftigt mich nur, wenn Religionen sich mit wissenschaftlichen Fragen beschäftigen und dabei falsche Tatsachen verbreiten, wie das „Intelligent Design“.
Angefangen hat es bei mir mit der Erstkommunion. Ich war in Brasilien im Sacre Coeur in der Schule. Im Unterricht hat uns der Pfarrer erzählt, dass Gott für uns Mädchen zwei Dinge vorgesehen hat: Entweder wir heiraten und bekommen Kinder, oder wir gehen ins Kloster und werden Nonnen. Aber Gott sagt uns nicht, was er für uns vorgesehen hat. Und wenn wir nicht sehr aufmerksam sind und das Richtige tun, dann sind wir verloren. Das war schon ein Wahnsinn! Ich habe mich bei meinem Vater beschwert, und er hat gesagt: Wenn du groß bist, kannst du werden, was du willst! Und das war damals Astronautin.
Wie ging es dann weiter mit Ihnen und Gott?
Na ja, in dieser Zeit bin ich ganz logisch draufgekommen: Es gibt das Christkind nicht, den Osterhasen nicht – also Gott auch nicht. Das war für mich eine Befreiung! Ich habe als Siebenjährige den Kampf gegen Gott gewonnen, vor wem sollte ich da noch Angst haben?
Sie sprechen in Ihrem Buch einerseits sehr bodenständig, aber Sie bedienen sich der Philosophie, der Physik, der Biochemie, der Medizin, um Verschiedenes zu erklären. Wie reagieren Fachleute der einzelnen Gruppen, die nicht so vernetzt denken?
Mich sprechen oft Leute darauf an, dass sie sich vieles auch schon so gedacht hätten. Auch Medizin und Philosophie sollten bodenständig und nicht abgehoben sein! Platon und Sokrates versuchten ja auch, total logische Begriffe zu finden, um etwas zu beschreiben – und die Logik ist ja etwas absolut Bodenständiges. Früher gab es mehr territoriales Abgrenzen, viele Wissenschaftler schützen ihr Gebiet. Wenn man da rein will, werden sie ganz nervös und aggressiv, aber das ist ja ganz dumm! Immer mehr Wissenschaftler überlassen ihre Ideen den Studierenden, das ist gut für die Forschung – aber viele denken halt nur an sich, das sind zwei verschiedene Charaktere. Ich sage meinen Studierenden immer: Binnen fünf Minuten erkennt ihr bei einem Vortrag, ob wer nur reden und zeigen will, wie toll er ist, oder ob er den Leuten etwas beibringen will.
Sie gehen in Ihrem Buch augenzwinkernd der Frage nach, was zuerst da war – die Henne oder das Ei. Und die Lösung sehen Sie in der RNA*, dem „HennEi“. Ist das ein Rückschluss von Ihnen oder schon erwiesen?
Wenn man den Stoffwechsel anschaut, dann sieht man, dass die wichtigsten Komponenten einer Zelle DNA** und Protein sind. Ohne sie gäbe es keine Vererbung und keinen Stoffwechsel. Die DNA speichert den Bauplan. Und wie werden Proteine hergestellt? Diese Information ist in der DNA gespeichert. Doch es benötigt Proteine, um DNA herzustellen. Der Kreis schließt sich.
Bei der Frage nach der Entstehung des Lebens muss ich zu dieser grundlegenden Frage zurückkehren: Was war zuerst? Die DNA oder die Proteine? Die Henne oder das Ei? Meine Antwort ist: weder noch. Es war die RNA. Die RNA ist HennEi. Sie ist Information UND Funktion, beides! Es spricht alles dafür, dass die RNA vorher da war. Im Laufe der Evolution haben dann DNA und Proteine viele der ursprünglichen Aufgaben der RNA übernommen, weil sie dafür besser geeignet sind. Arbeitsteilung also.
Das gesamte Interview finden Sie in der aktuellen Ausgabe von Forschen & Entdecken - hier können Sie sich ein gratis Abo bestellen.
*RNA: Die Ribonukleinsäure ist ein Makromolekül und chemisch viel aktiver als die DNA. Sie speichert genetische Informationen und treibt den Stoffwechsel an.
**DNA: Die Desoxyribonukleinsäure ist die chemische Speicherform der genetischen Information.