Homöopathie in der Krebsbehandlung
Prof. Michael Frass klärt im Interview mit „Forschen & Entdecken“ über komplementärmedizinische Maßnahmen bei Krebserkrankungen auf.
Bei der Komplementärmedizin
geht es in erster Linie um die
Aktivierung der körpereigenen Abwehrkräfte etwa durch Pflanzen.
Forschen & Entdecken: Viele Krebspatientinnen und -patienten haben den Wunsch nach begleitenden komplementärmedizinischen Maßnahmen. Welche Indikationen sprechen für eine homöopathische Zusatztherapie?
Prof. Michael Frass: Die additive homöopathische Behandlung wird eingesetzt, um eventuelle Nebenwirkungen der chemotherapeutischen und radiologischen Therapie zu mildern. Außerdem wird Homöopathie angewendet, um vorhandene Blockaden zu lösen, die Konstitution der Betroffenen zu stärken, Zweiterkrankungen zu therapieren oder die Physiologie wieder herzustellen. Wichtig bei alledem ist aber immer auch der Dialog mit der konventionellen Medizin.
Auf welchen Grundlagen basiert die Homöopathie?
Die Grundlage der Homöopathie ist das Ähnlichkeitsgesetz „Similia similibus curentur“ (Ähnliches muss durch Ähnliches geheilt werden). Verwendet werden pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen. Bei der Prüfung am Gesunden entstehen die sogenannten Arzneimittelbilder. Da die Zahl der Symptome sehr groß ist, sind Repertorien entstanden, Register also, mit deren Hilfe die Arzneimittel leichter auffindbar sind.
Wie läuft die homöopathische Behandlung ab?
Die Patientinnen und Patienten, die unter Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen leiden, schildern zunächst ihr Zustandsbild, möglichst simpel und ohne Verwendung von Fremdwörtern und fertigen Diagnosen. Die ärztlichen Fragen beziehen sich ähnlich wie in der konventionellen Medizin auf die Familienanamnese, Kinderkrankheiten und frühere Krankheiten. Weiters werden eine vegetative, eine soziale, eine private und eine berufliche Anamnese erstellt. Wert wird auch auf zum Teil weniger wichtig erscheinende Details wie etwa Empfindlichkeiten gegenüber Temperatur, Wind oder Feuchtigkeit gelegt. Und nach Erhebung all dieser Fakten versuchen Homöopathinnen und Homöopathen, das passende Arzneimittel zu finden.
Seit wann wird die Homöopathie beforscht, und welche wissenschaftlich nachweisbaren Wirkungen hat sie bei Krebspatientinnen und -patienten?
Diesbezügliche Forschung gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts – schon der Begründer der Homöopathie, der deutsche Arzt Samuel Hahnemann, führte anerkannte wissenschaftliche Untersuchungen an Soldaten, die unter Typhus litten, durch. Was Krebspatientinnen und -patienten betrifft, so kann die Homöopathie nachweislich die Lebensqualität verbessern, und dies steht auch im Zentrum unserer Bemühungen. Zudem sind Betroffene häufig nicht so sehr durch den Tumor selbst beeinträchtigt als vielmehr durch zahlreiche, kleinere Leiden. Und auch hier kann die Homöopathie oft effektiv helfen.
Kritikerinnen und Kritiker behaupten, dass sämtliche Metastudien beweisen, dass die klinischen Wirkungen der Homöopathie auf dem Placebo-Effekt beruhen bzw. dass die Homöopathie sich nur auf Einzelbeobachtungen berufen kann. Was halten Sie dem entgegen?
Dass dem nicht so ist, zeigt etwa eine ganz aktuelle Untersuchung an ca. 280 Krebspatientinnen und -patienten der Klinischen Abteilung für Onkologie des AKH Wien. Das subjektive Befinden der zusätzlich zur konventionellen Krebstherapie mit Homöopathie behandelten Patientinnen und Patienten war um 20 Prozent besser, der globale Gesundheitszustand um zehn Prozent, der Appetit und die emotionale Befindlichkeit um sechs Prozent. Auffallend war auch, dass die Schmerzen bei ihnen um ein Fünftel geringer wurden, bei der Kontrollgruppe dagegen stiegen.
In ähnlichen Bereichen bewegte sich die Klage über mehr oder weniger Müdigkeit. Zudem gibt es mehrere Metaanalysen, die einen Vorteil der Homöopathie gegenüber einem Placebo zeigen. Insbesondere die im Jahr 2005 im „Lancet“ veröffentlichte Metaanalyse von Shang und anderen, die von Homöopathiegegnerinnen und -gegnern immer wieder als Beweis für die Wirkungslosigkeit dieser Methode herangezogen wird, hat bei genauer Betrachtung gezeigt, dass die Daten sehr wohl für eine Wirkung homöopathischer Arzneien sprechen. Die in Wahrheit hervorragenden Ergebnisse dieser Studie sind lediglich falsch interpretiert worden.
Welche Hoffnungen darf man nun Betroffenen machen?
Definitiv kommt es bei sehr vielen Krebspatientinnen und -patienten durch die Anwendung der Homöopathie zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität und des subjektiven Befindens. Oft kann man wie gesagt auch Nebenwirkungen lindern, alles andere sind Einzelfälle. Ich denke, es ist wichtig, vorurteilsfrei, aber grundsätzlich skeptisch an die Sache heranzugehen, und man sollte bereit sein, sich überraschen zu lassen. Viele, die anfangs eher negativ eingestellt sind, sehen diese Behandlung im Nachhinein sehr positiv. Was ich mir noch wünschen würde, wären mehr Möglichkeiten, die Homöopathie klinisch weiter zu beforschen, aber hierfür fehlen personelle, finanzielle und räumliche Ressourcen und auch ein wenig das entsprechende Klima.