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Forschung auf neuen Wegen
Erika Jensen-Jarolim ist Wegbereiterin für innovative Forschung. Seit 1. August 2011 ist die international anerkannte Expertin für Allergologie und Immunologie Professorin für Komparative Medizin am Messerli-Institut für Mensch-Tier-Beziehung.

Forschen & Entdecken: Sie werden in diversen Publikationen immer als Querdenkerin beschrieben. Was sagen Sie dazu? Wie kommt es zu dieser Charakterisierung?
Erika Jensen-Jarolim: Es stimmt, ich gehe gerne einen unbequemen, aber interessantern Weg abseits von Mainstream-Forschungsarbeit. Dabei kam mir natürlich entgegen, dass ich am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien arbeitete. Wir sind hier ein interdisziplinäres Institut, an dem Biologen genauso wie Chemiker, Pharmazeuten und Mediziner arbeiten. Jede Fachrichtung hat einen eigenen Zugang zu einem Thema. Aus den Diskussionen und verschiedenen Herangehensweisen werden wertvolle Erkenntnisse gewonnen.
Sie forschen seit mehr als 20 Jahren zum Thema Allergien. Was fasziniert Sie an diesem Thema?
Allergien haben mich immer schon interessiert. Obwohl sie sehr häufig sind – rund 20 bis 30 Prozent der Menschen leiden unter Allergien –, kann man bis heute noch nicht vollständig erklären, woher sie eigentlich kommen. Allergien nehmen weiter zu. Schuld daran sind unter anderem sich ändernde Umweltbedingungen wie zum Beispiel eine erhöhte Abgasbelastung und mehr Ozon in der Luft. Die häufigsten Allergene sind Hausstaubmilben und Gräser, aber auch Nahrungsmittelallergene werden immer häufiger.
Sie stellten einen Zusammenhang zwischen Allergien und Krebserkrankungen her und führten die Allergologie und Onkologie zum neuen Fachbereich AllergoOnkologie zusammen. Wie kam es dazu?
Ich habe im Zuge meiner Forschungen entdeckt, dass das körpereigene Eiweiß IgE, das Allergien auslöst, gleichzeitig auch zur Rückbildung von Tumoren beiträgt. Eine komplexe und provokative Thematik, die von der Fachwelt zunächst nicht nur positiv aufgenommen wurde. Um mit neuen Forschungsergebnissen gehört zu werden, muss man sie profund präsentieren und hartnäckig verbreiten. Es war mir wichtig, dass das neue Fachgebiet kein Randgebiet bleibt, sondern dass es zum Austausch zwischen den Disziplinen kommt. Deshalb habe ich 2007 den ersten AllergoOnkologie-Kongress organisiert und danach viele weitere Schritte unternommen, um das Thema bekannt zu machen. Es ist schön zu sehen, wenn die Arbeit Früchte trägt und ein Multiplikationseffekt eintritt. Beispielsweise beim letzten Weltallergiekongress und beim heurigen Europäischen Allergiekongress wurden unsere Daten und der Begriff AllergoOnkologie mehrfach erwähnt. Außerdem behandeln bereits zwei weitere Forschungsgruppen in Kalifornien bzw. in Italien diese Fragestellung.
Vor Ihrer Professur leiteten Sie das Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung (IPA) an der Medizinischen Universität Wien und arbeiteten gemeinsam mit der Veterinärmedizinischen Universität an der Entwicklung von neuen Krebsmedikamenten. Wie kam es dazu?
Als Unirätin der Veterinärmedizinischen Universität Wien – 2008 bis 2011 – habe ich mich auch mit dem Thema vergleichende Forschung zwischen Human- und Veterinärmedizin beschäftigt. Die vergleichende Medizin ermöglicht einen neuen Zugang. Das Tier wird nicht wie bisher als Versuchstier eingesetzt, sondern wird als Patient gesehen. Tumorerkrankungen gehören nicht nur beim Menschen zu den häufigsten Todesursachen. Weniger bekannt ist, dass dies auch beim Hund der Fall ist. Ungefähr die Hälfte aller zehnjährigen Hunde erkrankt an Tumoren. Viele Menschen können sich die sehr teure Chemotherapiebehandlung nicht leisten oder wollen nicht, dass das Tier leidet, und lassen es deshalb einschläfern. Um gemeinsame Forschungsarbeiten für Mensch und Tier zwischen MedUni Wien und Vetmeduni Vienna zu unterstützen, habe ich 2006 den Verein „RotePfote – Krebsforschung für das Tier“ gemeinsam mit einem Mediziner und einem Veterinärmediziner gegründet. Mithilfe des Vereins fördern wir Forschungsarbeiten, von denen Mensch und Tier profitieren. Unser Ziel ist es, Säugetieren eine bestmögliche und gut anwendbare Krebstherapie zu ermöglichen und gleichzeitig auch für die Entwicklung von Therapien für menschliche Patienten zu lernen. Der Verein ist mittlerweile gut etabliert, wir brauchen aber dringend weitere Unterstützung durch Spenden (www.rotepfote.at). Wir haben auch das Spendegütesiegel erhalten. Als eine Folge meines Engagements für das Thema wurde ich mit 1. August zur Professorin für Komparative Medizin berufen, was den Brückenschlag zwischen den beiden Universitäten festigen soll. In Europa gibt es bislang nichts Vergleichbares, wir nehmen mit dieser Kooperation eine Schrittmacherfunktion ein. Besondere Bedeutung hat in dem Zusammenhang die Gründung des Messerli-Institutes für Mensch-Tier-Beziehungen in Wien, wo die Professur angesiedelt ist. Dies ist durch das großzügige Engagement der Messerli-Stiftung ermöglicht worden.
Was waren Ihre letzten Arbeitsschwerpunkte? Was ist Ihr aktuelles Forschungsprojekt?
Da Hunde eine kürzere Lebensdauer haben als Menschen, laufen Krankheitszyklen schneller ab. Durch die vergleichende Forschung könnte es daher rascher gelingen, neue Krebstherapien zu entwickeln, wovon sowohl das Tier als auch der Mensch profitieren. In einer aktuellen Studie haben wir die Ähnlichkeit zwischen Brustkrebs des Hundes und des Menschen erforscht. Wir haben dabei entdeckt, dass der wichtige Tumormarker EGFR bei Mensch und Hund annähernd gleich ist. Dies gibt Hoffnung für neue Therapieformen auch bei Tieren. Neben Arbeiten an Tumorthemen arbeiten wir auch an tierischen Allergien. Dass beispielsweise Hunde auch Allergien entwickeln können, ist wenig beachtet bzw. in Vergessenheit geraten. So wurde der allergische Schock erstmals 1903 bei einem Hund beschrieben. Wir werden auch dieses wichtige Thema vergleichend beforschen.
Sie haben mit 1. August die erste Professur für Komparative Medizin an der Vetmeduni Vienna angetreten. Was sind Ihre Ziele und Arbeitsschwerpunkte bei der neuen Aufgabe?
Es wird mein Ziel sein, das Thema durch exzellente Forschung weiter bekannt zu machen. Mir ist es aber auch wichtig, dass die Öffentlichkeit über unsere Projekte informiert ist. Schließlich ist es auch zu einem guten Teil der Steuerzahler, der diese finanziert.
Sie unterrichten an der Medizinischen Universität Studentinnen und Studenten. Bei den Science Lectures, einer Veranstaltungsreihe des Wiener Stadtschulrats zu naturwissenschaftlichen Themen, referieren Sie vor Kindern. Haben Sie Erfahrungen damit? Was ist Ihre Motivation, bei den Science Lectures als Referentin aufzutreten?
Erstens, ich habe auch selbst – nun bereits erwachsene – Kinder. Zweitens, ich habe bereits Vorlesungen an der Kinderuni gehalten. Ich habe somit Erfahrung, Kindern und Jugendlichen aller Altersstufen Medizin und auch Forschung zu erklären. Ich bin auch bei meinen Studenten, die aus vielerlei Sparten kommen, dafür bekannt, dass ich komplexe Sachverhalte einfach darstellen kann. Eine Tafel und Kreide werden bei der Science Lecture neben moderner Präsentationtechnik dabei hilfreich sein. Die Zuhörer sollen verstehen, dass wir nicht im Elfenbeinturm forschen, sondern dass unsere Ergebnisse auch praktisch relevant sind und Ergebnisse sind, von denen viele Menschen profitieren können. Ein Wunschziel wäre freilich, einige der Kinder und Jugendlichen aus dem Publikum für Forschung so zu begeistern, dass dies einen Einfluss auf die Berufswahl haben wird.
Was ist das Thema Ihres Vortrags? Wie legen Sie diesen Vortrag an?
Das Thema meines Vortrags wird natürlich die Komparative Medizin sein. Ich werde den Kindern meine persönlichen Beweggründe und die Notwendigkeit dafür erklären. Ich werde erzählen, dass unsere Haustiere wie wir Krankheiten wie Allergien oder Krebs entwickeln können und wir mithilfe der vergleichenden Medizin die Entwicklung von Impfungen, Heilmitteln oder diagnostischen Verfahren vorantreiben können.
Wie entspannen Sie sich von Ihrem Berufsalltag?
Gemeinsam mit meiner Familie renoviere ich einen alten Bauernhof im Waldviertel. Das erdet mich.
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